Gestaltung des öffentlichen Raums zum zehnjährigen Bestehen der Gaesdoncker Kunstschule – Eine Herausforderung im berufsqualifizierenden Seminar zur Mappenvorbereitung

von Alexander Binn, Q2 2017


Wie kam es überhaupt dazu, dass ich den Platz vor der Gaesdoncker Kunstschule gestaltet habe? -

Im Verlauf des Mappenvorbereitungskurses bei Herrn Cürvers M.A., kamen wir zum Bereich Architektur. Unsere Aufgabe bestand darin, uns auf dem Gelände der Gaesdonck einen Ort zu suchen, es war ein warmer Sommertag, diesen zu verändern, entweder gestalterisch oder praktikabel und unsere Entscheidungen inhaltlich zu begründen. Zum einen vertieften wir das Wahrnehmen von Perspektive im Gesehenen und das Übersetzen ebendieser in eine Skizze, weiter noch, das, der Perspektive angepasste, Hinzufügen und Entnehmen von Strukturen.

Nun gut, so kam es also dazu, dass ich mir einen Ort auf der Gaesdonck suchte, den ich verändern konnte. Kaum anderthalb Stockwerke und gut und gerne Acht Schritte später drehte ich mich um und hatte den Ort, den ich verändern wollte, vor mir. Einen praktikablen, aber dennoch sehr trostlosen Schotterplatz, welcher das Empfangskomittee für Alle, die die Kunstchule betreten wollen, bot. Ich nahm mir einen Stuhl, setzte mich an das Ende des Platzes mit Blick zur Kunstschule und begann mit Kohle die groben Fluchtlinien aufzunehmen, das räumliche Gefüge und die groben Maße ebenso wie auch Proportionen, Entfernungen und Stofflichkeiten zu verstehen. Nach rund 30 Minuten in der brennenden Sonne begab ich mich, erhitzt, dem Siedepunkt nahe, wieder nach oben in das Atelier der Kunstschule. 

Oben, bei angenehmerem Klima sitzend, hatte ich nun also die Gebäude rund um den Schotterplatz herum und die große, leere Fläche zwischen ihnen vor mir auf dem Tisch liegen. Schnell zeichnete ich noch zwei oder drei weitere Skizzen ebendieser Situation, um mehrere Ideen ausprobieren zu können. 

Nun, da mich die skizzierten Leerflächen mit misstrauischen Augen ansahen, ging es an die eigentliche Arbeit, das Gestalten. Ich legte die Skizzen vorerst beiseite und nahm mir ein neues Blatt Papier, um auf ihm meine Assoziationen zu notieren. Ich fragte mich, was die Kunstschule für ein Ort sei, weshalb man zu ihr käme, was für Menschen in ihr wirken und was in ihr geschieht. 







































Alexander Binn, Q2 2017, im neuangelegten Hof vor der Kunstschule. Photo:T.Gruber.


Inhaltliche Gestaltungsgrundlage des Projekts
Die Kunstchule ist ein Ort der kreativen Kommunikation. In ihr baut man eine eigene Perspektive auf, tauscht sich aus, man erweitert seinen Horizont und seine Sichtweise, öffnet sich für Neues. Dadurch, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen Charakteren und Kreativgeistern die Kunstschule besuchen, kommt es zu einem Austausch ohnegleichen. An erster Stelle eines jeden kreativen Prozesses steht die Wahrnehmung und die daraus folgende Idee oder ein  großes Interesse und Verlangen, ein bestimmtes Medium für sich zu entdecken und auszuprobieren. Und, egal wie experimentell man ein Projekt oder eine Arbeit ansetzt, sie muss immer in einem formellen Rahmen existieren, sonst kann sie nicht als eine einzelne Arbeit angesehen werden. Doch dieser Rahmen hindert keineswegs daran, das Werk in unterschiedlichen Perspektiven zu sehen und zu interpretieren. Im Gegenteil, er ermöglicht es erst einer größeren Gruppe von Menschen fokussiert eine Interpretation und Analyse durchzuführen. Wäre dieser sogenannte formelle Rahmen nicht vorhanden, könnte es aufgrund des Informationsüberflusses gar nicht zu einem Austausch kommen. 

Insgesamt habe ich die Kunstschule als einen besonderen Ort empfunden, an dem sich  sehr verschiedene Charaktere in ihren hochunterschiedlichen Perspektiven begegnen. Hier  werden Kreativprozesse initiiert und individuell gefördert. Ausgangspunkt ist die eigene Wahrnehmung oder ein eigenes Interesse an unterschiedlichen Materialien, das selbstständige Setzen eines gestalterischen formalen oder inhaltlichen Rahmens. Die Kunstschule habe ich als ein Refugium empfunden, in dem einem die Freiheit gegeben wird, sich selbst und seine Kreativität auszuleben. 


Formale Codierung der inhaltlichen Überlegungen
Nun galt es die zuvor genannten Aspekte in eine Landschaftsgestaltung umzuwandeln. Das Versammeln verschiedenster Charaktere und Perspektiven wird widergespiegelt durch die vielen unterschiedlich gepflasterten, auf das Auge zulaufenden Wege und die Vielzahl an Bepflanzung und Gestaltung der das Auge umgebenden Flächen, die Rasenfläche im vorderen Bereich, die im Sommer zum Verharren und zum portraitieren eventueller Personen, die auf der Schotterfläche Model stehen könnten, einlädt. Die Schotterfläche, die Raum für Installationen oder Kreativprozesse unter freiem Himmel bietet. Ebenso auch einer kleinen Vernissage oder etwa einem Open-Air Konzert in Zusammenarbeit mit der Musikschule, die Möglichkeiten der Nutzung sind grenzenlos. Ebenso die rot gepflasterte Ebene direkt vor dem Eingang zur Kunstchule, welche vor allem dem Bildhauereiatelier ermöglicht die Barriere zwischen Innen- und Außenraum aufzuheben und eine freie Atmosphäre zu schaffen. Oder natürlich das Ausstellen von Exponaten der Schülerinnen und Schüler, die in denen durch die Pergola entstehenden Rahmen mit Blick auf den Platz gestaltet werden könnten. Und zu guter Letzt: Die bepflanzten Flächen, die in ihrer Blüte und grünen Strahlkraft im Frühling und im Sommer, im Schatten der heranwachsenden Bäume, zum Betrachten und Beobachten einladen und somit eine ganz besondere Wohlfühl-Stimmung erzeugen können. 

Um bei dieser Stimmung zu bleiben, gilt es der Refugiumidee nachzugehen. Durch die Abtrennung des Platzes vom Parkplatz, mithilfe einer Hecke, gelingt es, sobald die Hecke eine gewisse Höhe erreicht hat, eine Art Rückzugsort zu schaffen. Umgeben von Grün auf einem, einem Innenhof gleichenden, Platz, lädt die Umgebung zum Nachdenken und Sinnieren ein. Diese Abgrenzung schützt einen auf gewisse Weise, sie schafft ein Feld  für  Kunst, die Kreativität.

Nun gilt es die kreativen Prozesse darzustellen, beziehungsweise zu unterstützen. Wie bereits gesagt, gibt es zwei Ansätze für die Initiation eines kreativen Prozesses. Entweder das Wahrnehmen durch die je eigene Perspektive oder das Interesse, sich ein Medium zu eigen zu machen und zu experimentieren. Den Wunsch danach, ein Medium zu verinnerlichen, zu entdecken, wird, wie auch schon die vielen Charaktere, in der Vielschichtigkeit der Flächengestaltung aufgegriffen. Auf dem Weg zur Kunstschule überschreitet man diese verschiedenen ‚Medien‘ ebenso wie man auf seinem kreativen Weg eine Vielzahl an Medien ausprobieren kann. Die Alternative, der Beginn des kreativen Prozesses durch die je eigene Wahrnehmung sollte in meiner Gestaltung der zentrale Punkt sein. Das ist auch der Grund, weshalb ein großes Marmormosaik in der Form eines Auges direkt den Blick des Betrachters auf sich zieht. Beim Betreten und Begehen des Platzes kann der Betrachtende gar nicht anders, als seinen Blick auf das Auge zu richten. Nahezu hypnotisch zieht es einen in seinen Bann, umgeben von all den anderen abgerundeten und teils verwinkelten Flächen, bildet es eine fast organische Ausnahme, die in ihrer Einfachheit und dennoch fraktalen Darstellung überzeugt. Von diesem Auge gehen alle Wege des Platzes aus. Man muss, um in die Kunstschule zu gelangen, über dieses Auge schreiten. Dennoch soll das Auge nicht falsch verstanden werden. Es steht symbolisch für das Wahrnehmen, ebenso kann die Wahrnehmung gehört, gefühlt, geschmeckt oder aus sonst irgendeinem Sinn herrühren.

Zu guter Letzt soll auch noch das Setzen eines Rahmens um einen Kreativprozess herum, aufgegriffen werden. Dies geschieht, wie man sich denken könnte, mithilfe der Pergola. Betrachtet man die rot gepflasterte Fläche vor dem Bildhauereiatelier und dem Eingang zur Kunstschule, so sieht man ebendiese durch mehrere Rahmen. Und auf den ersten Blick scheinen diese Rahmen das Gesehene einzuzwängen, ihm Raum zu rauben, doch in Wirklichkeit ist das, was man betrachtet nach oben hin vollkommen offen und lässt unzählige Möglichkeiten der Interpretation zu und bietet obendrein die, für die Fokussierung nötige, Rahmung. 

Doch auch die beste Gestaltung würde nichts nutzen, würde sie nicht verwirklicht. Und der Prozess der Verwirklichung ist den Gärtnern der Gaesdonck zu verdanken, welche mit größtem Sinn für Detail in die Auswahl an Bepflanzung und natürlich Umsetzung der Bepflasterung herangegangen sind. Das war toll zu sehen und dafür bin ich dankbar. Weniger für die Umsetzung als solche, die ich super finde, als für den konstruktiven und stets heiteren Austausch mit Spitzenkräften. 

Somit wünsche ich der Gaesdoncker Kunstschule zum zehnjährigen Bestehen alles erdenklich Gute, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der zukünftigen Seminare viel Freude an der Platzgestaltung, die hoffentlich auf lange Sicht immer wieder neu Gefallen findet. 


Vielen Dank, Euer Alexander Binn.

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