Darf Kunst alles? - Ein Essay von Klara Schmidt

Klara Schmidt, Abiturientin des Collegium Augustinianum Gaesdonck 2014, hat einen philosophischen Essay verfasst. Diesen schrieb sie im Rahmen des Projektkurses Philosophie als Schülerin der Q1. Da sie sich selbstständig für ein Thema entschieden hat, das in enger Beziehung mit dem Angebot der Kunstschule steht, möchten wir ihre Arbeit gerne an dieser Stelle veröffentlichen. Ihre Arbeit wird später in den Gaesdocker Blättern, einem Periodikum des Collegium Augustinianum, ebenfalls zu lesen sein. Klasse Klara! Vielen Dank für Deine Zustimmung zur Veröffentlichung.

Essay zum Thema „Darf Kunst alles?“
von Klara Schmidt

 

Auf dem Ausstellungstisch steht eine Glasschale.

Eine Glasschale ist eine tolle Erfindung. Obwohl man Obst, Bonbons, Schmuck oder Blumen verstaut, kann man durch ein solches Behältnis seine Lieblingsgegenstände trotzdem immer sehen.

Auf die Idee der Glasschale muss jemand wirklich kluges und gleichzeitig wirklich kreatives gekommen sein...

Aber in dieser Glasschale liegen keine Äpfel oder Schokotoffees. Es sitzt etwas. Jemand. Zwei Jemande. Geschöpfe, winzig klein, vielleicht gerade gleichsam einer Kinderfaust. Und die Geschöpfe zappeln, sie bewegen sich. Scheinen jedoch kein Stück von der Stelle zu kommen.

In ihren runden Knopfaugen ist Panik. Der Blick ist geprägt von Angst und Schmerz.

Bei genauerem Hinsehen sind die zwei Wesen nicht sonderlich hübsch. Ihr Fell ist schmutzig und grau, es scheint zerschlissen, die riesigen Ohren weisen Bisse und Schürfungen auf. Die Krallen erinnern an die eines Ungeheuers. Eines geschrumpften Ungeheuers.

Die Schwänze liegen neben ihnen wie zwei Würmer, fast abstoßend.

Die Rippenbögen zeichnen sich deutlich unter der Haut ab, wölben sich und ziehen sich zurück. Die Tiere atmen, ihr Herz schlägt, das Blut in den Adern pulsiert. Leben. Das ist LEBEN. Die Tiere leben.

Aber es ist wahr: Niemand möchte sich zuhause in seinem Schlafzimmer Labormäuse halten. Die meisten überkommt alleine bei der Vorstellung ein Schauer.

Aber wer, um alles in der Welt, näht sie an den Hüften zusammen und filmt mit einer Kamera ihren langsamen und qualvollen Tod ?

Ein Geisteskranker ? Ein Sadist ? Ein Schlafwandler ?

Möglich. Auf jeden Fall ist dieser Mann eines: Ein „Künstler“.

Xiao Yu. Der Chinese sagt über sich selbst , er liebe Tiere.

Dieses ist nur eines von unzähligen Beispielen für sogenannte „darstellende Kunst“, das mit viel Kritik zu kämpfen hat.

An dieser Stelle kommt die Frage ins Spiel, mit der ich mich in meinem Essay beschäftigen möchte :

Darf Kunst alles?

Ich denke, um diese Frage zu beantworten, muss man erst wissen, was Kunst überhaupt ist. Kunst, diesen Begriff verwenden wir sehr oft. Aber was ist es? Jeder hat eine andere Vorstellung von der Kunst. Sie ist unglaublich vielfältig, sie fasziniert Menschen seit Jahrtausenden. Sie schafft und verbindet.

Um aber eine ungefähre Vorstellung zu bekommen, wie „Kunst“ bei uns in Deutschland festgelegt ist, möchte ich den Artikel fünf, Absatz drei aus dem Grundgesetz zitieren.

„Die Kunstfreiheit unterliegt keinem Gesetzesvorbehalt, kann daher durch ein Gesetz nicht eingeschränkt werden. ...“ Soviel also dazu. Die Kunst kann nicht eingeschränkt werden. Das Einschränken von Kunst ist gesetzlich untersagt!

Das scheint ja zunächst einmal auch verständlich !

Kein Mensch möchte in seiner Entfaltung eingeschränkt werden. Inwiefern würde man sich noch als Individuum bezeichnen können, wenn man seine eigene Meinung und Sichtweise nicht mehr der Öffentlichkeit preisgeben darf? Kunst ist ja schließlich auch Kommunikation. Man berichtet seiner Umwelt die eigenen Gedanken und Gefühle, indem man sie auf besondere Art und Weise ausdrückt.

Durch die Kunst wird dem Menschen ein Stück weit die Freiheit geschenkt. Aber kann sie geschenkt werden, um sie gleich dem nächstbesten Lebewesen wieder zu nehmen? Wir denken zurück an Xiao Yu.

Bewusst ließ ich vorhin einen Teil der Definition aus:

„Jedoch kann sich eine Einschränkung aus der Kollision mit anderen Grundrechten ergeben.“

An dieser Stelle wird deutlich, dass sich die Kunst genauso wie der Künstler, ein Mensch wie jeder andere, den Gesetzen unterordnen muss. Klar wird: Mäuse aneinander zu nähen ist keine Kunst. Es ist ein grausames Verbrechen, welches unter den Begriff „Tierquälerei“ fällt.

An diesem Punkt steht fest, dass Kunst, wie sie festgelegt ist, definitiv nicht alles darf. Wie ich bereits zum Ausdruck brachte, ist dieses Beispiel darstellender Kunst von Xiao Yu keine Kunst, sondern eine Gräueltat.

Vielleicht aber haben die Herrschaften, die den Artikel im Grundgesetz verfasst haben, über eine bestimmte Sache schlicht und ergreifend gar nicht erst nachgedacht. Völlig zu Recht, denn im Zusammenhang mit dem Grundgesetz spielt dieses zunächst keine Rolle:
Wo beginnt Kunst, was ist für den Menschen von heute Kunst, was verstehen wir unter ihr?

Das erste Bild, was sicherlich die meisten nun vor Augen haben, ist die Mona Lisa, Paris als Stadt der Künstler, eine Baskenmütze, Farbpalette und Pinsel.

Aber es ist ja viel mehr als das! Ist ein Künstler nicht auch ein Musiker, ein Schauspieler, ein Tänzer, ein Modedesigner, ein Architekt, vielleicht sogar auch ein Koch.

Menschen, die Kunst machen, möchten anderen Menschen etwas mitteilen. Kunst soll die Menschen faszinieren, sie freudig oder nachdenklich stimmen, sie überzeugen oder abschrecken.

Es ist absolut genial, dass es so etwas wie Kunst gibt. Etwas, das ganz ohne Worte Dinge ver- und erklärt.

Wahre Kunst bewirkt etwas in uns und wir können uns dagegen nicht wehren. Wer sich mit Kunst beschäftigt, der wird eine Botschaft durch sie vermittelt bekommen.

Um auf das Beispiel mit den Labormäusen zurückzukommen: auch hier werden Gefühle in uns ausgelöst.

Zum Beispiel Hass. Hass auf Personen, die Tieren ohne Skrupel ein solches Leid zufügen. Trauer. Trauer, weil die Geschöpfe ihr Leben hergeben mussten. Schuld. Schuld, weil wir uns tatenlos etwas anschauen, worüber wir uns ärgern und doch nichts dagegen tun. Mitleid. Mitleid, weil wir die Schmerzen der Nager nachvollziehen. Und Mitleid mit dem „Künstler“. Dem Mann, der irgendetwas Traumatisches in seinem Leben durchgangen sein muss, um solch kranke Fantasien in die Tat umzusetzen.

Vielleicht ist es also doch Kunst, was Xiao Yu da macht. Natürlich wirkt es absurd. Aber das Kriterium „Kunst löst Gefühle in uns aus“ ist allemal erfüllt.

Jedoch kann man ja auch nicht sagen, ein Tisch ist ein Hund, nur weil er das Kriterium der vier Beine, die ein Hund hat, erfüllt.

Zu Kunst gehören noch diverse andere Dinge. Meiner Meinung nach sind es noch zwei, die unbedingt notwendig zu erfüllen sind, damit etwas „Kunst“ genannt werden darf.

Wir stellen uns vor, dass Xiao Yu die Wahrheit sagt und tatsächlich Tiere liebt. Die Botschaft, die er vermitteln wollte, hatte also zunächst nichts mit Tierquälerei zu tun.

Was immer seine Botschaft war: Er hätte sie anders ausdrücken können, ganz ohne das zu verletzen, was er liebt.

Ein Theaterstück wäre eine Alternative gewesen, in dem der Künstler Menschen, die sich freiwillig dafür gemeldet haben, das vermitteln lässt, was er vermitteln will. Oder auch ein Song. Vielleicht ein Buch oder ein Bild. Je nach dem, was er kann! Irgendein Talent hat schließlich jeder. Jeder kann etwas. Und wer es schafft, dieses Talent zu nutzen, sein Können geschickt anzuwenden, der hat ein weiteres Kriterium erfüllt, das für Kunst unumgänglich ist: Können.

Kunst kommt von Können, diesen Satz haben die meisten von uns sicherlich schon einmal gehört.

Es bedeutet, dass Kunst aus einem gewissen Geschick oder einer Intelligenz heraus entstehen muss.

Wenn wir jetzt einmal ganz ehrlich zu uns selbst sind, kann wirklich jeder, der nicht zwei linke Hände hat, zwei Mäuse aneinandernähen. Es bedarf lediglich einer Nadel und etwas Garn und einer Menge Unmenschlichkeit und Skrupellosigkeit.

Dieser Aspekt wurde also ignoriert vom Künstler. Aber nach meinem Empfinden darf das nicht passieren. Wer Kunst betreibt, der muss auch etwas können. Es wäre ja nahezu unfair, einen Künstler wie Goethe, Schiller, Picasso oder Chagall mit Xiao Yu zu vergleichen. Die ersten vier hatten ein Talent und haben etwas daraus gemacht.

Ich denke wie gesagt, dass jeder ein Talent hat. Auch Xiao Yu. Würde er herausfinden, was er kann, könnte er auch ein Künstler sein.

Einen dritten Aspekt, der unbedingt Kunst ausmacht, ist sicherlich Kreativität.

Jedoch eine Kreativität, die auf Können beruht. Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, hier ein Beispiel. Wer auf die Idee kommt, seinen großen Zeh in einen Papierwolf zu stecken, hat keine kreative Idee in die Tat umgesetzt. Sicherlich eine außergewöhnliche. Aber kreativ sein ist mehr als außergewöhnlich sein.

Kreativität ist genauso wie die Kunst selbst mit Können verbunden.

Wenn wir die drei Aspekte „Kunst löst Gefühle in uns aus“, „Können“ und „Kreativität“ zusammen betrachten, lässt sich ein Satz formulieren, der auf Kunst ziemlich zutreffend ist:

Wahre Kunst ist es, eine Botschaft durch die kreative Umsetzung seines Könnens zu vermitteln.

Kunst ist etwas, das aus einer inneren, uns überwältigenden Macht heraus entsteht. Und diese Macht ist von meinem Standpunkt aus ein kreatives Können.

Die Macht überwältigt den Künstler und somit auch die Personen, die die Kunst ansprechen soll.

Wenn diese Personen nämlich das Gefühl haben, dass ein Objekt oder eine Darstellung durch Können entstanden ist, das sich durch Kreativität zu dem Dargestellten entwickelt hat, ist bei ihnen das Interesse erweckt, nachzudenken. Darüber, was der Künstler mit seinem Werk vermitteln möchte.

Jedoch stellt sich die Frage, wie diese neue Definition von Kunst etwas wie Quälerei und Verbrechen an anderen Lebewesen ausschließen kann.

Nun, Können schließt etwas Wichtiges mit ein: Nachdenken können. Abwägen können. Prioritäten setzen können.

Ein Künstler muss also abwägen können, was wichtiger ist: Die Würde des Lebewesens oder die zu vermittelnde Botschaft. Die Antwort wird immer die Würde des Lebewesens sein. Nicht nur die des Menschen, nein, die des Lebewesens. Wir Menschen können ja schließlich nicht einfach bestimmen, dass unsere Würde die wichtigste ist, nur weil es eben unsere ist. In welch egoistischer Welt würden wir denn sonst untergehen? Es ist also hier völlig richtig, die Würde eines Lebewesens wie einer Maus der des Menschen gleich zu setzen.

Wenn nun jedoch dem Künstler die Botschaft nach diesem Abwägen nach wie vor so wichtig erscheint, dass sie der Welt nicht vorenthalten werden sollte, ist es seine Aufgabe, sich ein anderes Mittel zu überlegen, seine Idee zu verkörpern. Sich zu überlegen, wie er sein Können noch kreativ zu Kunst machen kann.

Wenn ein Künstler diese Gedankenprozesse hat und es schafft, etwas zu gestalten, das den Kriterien „Botschaft vermitteln“, „Können“ und „Kreativität“ entspricht, dann kann er sich selbst Künstler und das, was er macht, Kunst nennen.

Diese wahre Kunst darf dann tatsächlich alles.

Denn der Künstler hat es vollbracht, alles, was die Würde des Lebewesens angreift, im Vorhinein auszuschließen und den würdeverletzenden Aspekt auszufiltern, sodass im Sieb nur noch die reine Kunst übrig bleibt.

Natürlich ist auch das mit der Würde so eine Sache.

Verschiedene Lebewesen, vor allem Menschen, fühlen sich unterschiedlich schnell in ihrer Würde angegriffen.

Wo eine pubertierende Dreizehnjährige vermutlich schon zu Tode gekränkt wäre, zum Beispiel würde man ein Lied über sie schreiben, in dem auf ihre Überempfindlichkeit angespielt würde, da ist es Politikern, die eine Zeitung aufschlagen, in der eine fiese Karikatur von ihnen gezeichnet wurde, egal, was einzelne Gruppen von Leuten über sie denken.

Wie lässt sich also ausschließen, dass man irgendjemanden in seiner Würde verletzt?

Nun, das werden sicherlich die allerwenigsten können. Die allermeisten jedoch werden es schaffen, abzuwägen, noch ein zweites Mal, nachdem die eigene Kunst kritisiert wurde. Ist diese Kritik gerechtfertigt, war ich unfair? Oder lässt sich mit der Person reden, die sich angegriffen fühlt? So lässt sich vielleicht auch Eingeschnapptheit vom wirklichen Gefühl Verletzt Sein unterscheiden. Das ist wieder Teil des Könnens. Nun kann vielleicht nachvollzogen werden: Kunst ohne Können, Kreativität und eine zu vermittelnde Botschaft ist keine wahre Kunst, sondern etwas, das unter dem Begriff Kunst abgestempelt wird, damit man umgeht, dass es als das wahrgenommen wird, was es letztlich ist.

Ein wahrer Künstler ist also jemand absolut Bewundernswertes. Er ist klug, er hat ein Talent, er kann etwas. Und er schafft es, dieses Können mit Kreativität zu verbinden und zu etwas zu machen, das andere Menschen überwältigt. Ein Künstler kann abwägen, Prioritäten setzen und denkt scharf nach. So kommt es auch, dass Kunstwerke so einmalig sind.

Völlig zu Unrecht werden Künstler also oftmals als verrückt, abwesend oder Realitätsflüchtlinge bezeichnet. Sie haben wahres Können, wahres Talent. Das ist das, was viele Menschen leider oft vergessen. Die Menschen sehen jeden als Künstler an, der sich Künstler nennt. Und dann vergleichen sie alle, die sich Künstler nennen miteinander und stempeln sie als komisch und anders ab, anstatt darüber nachzudenken, wer von denen, die sich Künstler nennen, überhaupt wahre Künstler sind.

Denn Kunst darf alles, ja! Diese Kunst, die aus kreativem Können heraus etwas in Menschen bewirkt, sie ist absolut uneingeschränkt und frei.

Das ist das Fazit, mit dem ich mein Essay gerne beenden möchte.

Ich bin der Meinung, dass Kunst alles darf, wenn es die Kriterien erfüllt, die Kunst, wahre, echte Kunst, ausmachen.

Das Wichtigste, das, worüber jeder einmal nachdenken sollte, ist, dass nicht alles Kunst sein darf.


Quellen:

http://www.kunstnet.de/thema/17356-umfrage-wie-weit-darf-kunst-gehen

http://www.juraforum.de/lexikon/kunstfreiheit

 

Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe und alle Entlehnungen als solche gekennzeichnet habe.